Pressekonferenz der DEU mit Aljona Savchenko/Bruno Massot

München, 10.11.2015


 

Aljona Savchenko und Bruno Massot können nun endlich für Deutschland starten, wie die Deutsche Eislauf-Union bei einer Pressekonferenz am 10. November in München mitteilte. Geplante Wettbewerbe in dieser Saison sind die Tallinn-Trophy 18.-22.11, Warschau-Cup 26.-29.11., Deutsche Meisterschaften 12.-13.12., Europameisterschaften 25.-31.1.2016 und die Weltmeisterschaften 28.3.-2.3.2016.

Wir fassen die wichtigsten Aussagen der Pressekonferenz zusammen.

 

Aljona Savchenko meinte zur Wartezeit auf die Freigabe für ihren Partner: " Es war sehr schwer. Wir waren immer in Spannung und warteten auf die Freigabe. Jetzt ist es endlich so weit und wir freuen uns sehr."


Die DEU hatte letztendlich die vom französischen Verband verlangte „Ablösesumme“ in Höhe von 30 000 Euro bezahlt. DEB-Vize-Präsident Uwe Harnos erklärte dazu allerdings, dass man im ISU-Regelwerk nichts gefunden habe, was eine Art "Ablöse" als Aufwandsentschädigung rechtfertige. Diesen Standpunkt habe der Verband auch in Paris beim französischen Verbandspräsidenten Gailhaguet deutlich gemacht.„Im Regelwerk der ISU unter Punkt 109.2 ist ganz klar geregelt, unter welchen Voraussetzungen die Freigabe zu erteilen ist.  Dass man 12 Monate für den alten Verband nicht gestartet ist und dass man mindestens 12 Monate in dem Land lebt, für das man starten will. Und auch dass man die Staatsangehörigkeit beantragt hat. Diese Voraussetzungen wurden von Bruno Massot alle erfüllt. Dann gibt es im Regelwerk weiterhin einen Punkt zur Förderung des Paarlaufs, weil man bei der ISU wahrgenommen hat, dass es schwierig ist, in einem Land zwei (passende) Partner einer Nationalität zu finden.“ Regel 109.2c vereinfache den Länderwechsel beim Paarlauf und setzte die Wartezeit auf 12 Monate herab. Harnos ergänzte, dass man sich da bei der ISU entweder keine Gedanken darüber gemacht habe, was bei der Verweigerung einer Freigabe durch einen Verband trotz erfüllter Bedingungen geschehen müsse.


Harnos wies auch auf den Paragraphen 109.5 hin, demzufolge der ISU Council Ausnahmeregelungen treffen kann. Harnos interpretierte dies nach seinem juristischen Verständnis als noch mildere Anforderungen für die Freigabe. Doch der Council wich der Entscheidung letztendlich aus und traf die Aussage ‚wir dürfen auch sagen ihr müsst eine Lösung finden‘. Dies empfindet Harnos als grotesk, weil es nicht weiterführt. Diese Entscheidung des Councils, dass die DEU sich mit den Franzosen einigen und ihnen grundsätzlich Geld zahlen muss, hätte man rechtlich natürlich angreifen können. Die DEU nahm davon Abstand, weil ein Rechtsstreit einerseits viel Geld gekostet hätte und andererseits weiter wertvolle Zeit hätte verloren gehen könne.


Die DEU will nach Aussage von Harnos beim nächsten ISU-Kongress 2016 deutlich machen, dass es für Ablösesummen keine Rechtsgrundlage gibt und dass Klarheit geschaffen werden müsse. Die Widersprüche müssen ausgeräumt werden - auf der einen Seite soll der Paarlauf gefördert, auf der anderen Seite wird dies konterkariert. Auf der ganzen Welt seien Verbände eigentlich von (staatlicher) Förderung abhängig und sollten das Geld in den Sport investieren. Es komme genausogut vor, dass deutsche Sportler zu anderen Verbänden wechselten. Im Grunde sei dies auch eine politische Frage, denn solche Sperren verstießen gegen die Freizügigkeit in Europa. Das Paar solle sich nun auf den Sport konzentrieren können, aber die DEU wolle die Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen, sondern weiter verfolgen.


Harnos betonte, dass die Zahlung kein Alleingang der DEU war, sondern in Abstimmung mit dem DOSB, BMI und BVA geschehen ist. Ursprünglich hatten die Franzosen 100 000 Euro, dann 70 000 Euro gefordert und am Ende habe man sich 30 000 Euro geeinigt. Die DEU hatte noch vergeblich versucht, die Summe weiter zu reduzieren. Am Schluss war ausschlaggebend, dass das Paar nun schon seit 18 Monaten auf dem Eis ist und trainiert und natürlich die Frustration der Sportler groß ist, wenn sie nicht an Wettkämpfen teilnehmen können. Zusätzlich braucht das Paar die Möglichkeit, die geforderten Mindestpunktzahlen für einen Start bei der Europameisterschaft zu erlangen.


Auf die Frage, wie die 30 000 Euro genau finanziert werden, antwortete Harnos, dass es im Prinzip so ist, dass die DEU in erster Linie von öffentlichen Geldern lebt und vom BMI gefördert wird. Deshalb muss natürlich auch das Geld korrekt und entsprechend den Förderrichtlinien verwendet werden. Ein bis zwei Wochen vor der finalen Regelung klärte der Verband alles mit dem BMI in einem Jahresgespräch ab. DEU habe den Betrag jetzt erst einmal aus Fördermitteln vorfinanziert und setzt darauf, dass noch Spenden hereinkommen. Aljona Savchenko erklärte, dass über Facebook eine Foundraising-Seite eröffnet wurde und dass bisher ca. 2 000 Euro zusammengekommen sind. Sie hat zusätzlich ein separates Spendenkonto eröffnet und das Paar wäre wirklich sehr dankbar, wenn es mit Spenden noch weitergeht. Oberstdorf hat ebenfalls Unterstützung zugesagt und möchte eine Art Spendengala organisieren. Mit dem Sportler-Paar wurde  verabredet dass, wenn sich der sportliche Erfolg einstellt und sie in der Lage sind, etwas zu erwirtschaften, etwas an die DEU zurückfließt. Der Verband seinerseits muss auch an der einen oder anderen Stelle noch Geld einsparen.“Es ist im Prinzip ein Puzzle aus mehreren Steinchen, ein Mix aus Unterstützung von außen, den Sportlern selber und dem Verband. Wir haben die grundsätzliche Vereinbarung getroffen, dass wir das in dem Rahmen so gestalten wollen. Das Risiko muss jetzt erst einmal die DEU tragen  Ob und wieviel zurückfließt von dritter Seite und von den Sportlern selber wissen wir jetzt noch nicht“, so Harnos. Die Finanzierung von Wettbewerben einschließlich Anreise und Unterkunft gehöre aber zu den Grundfördermitteln und dies sei alles in trockenen Tüchern.

Auf die Frage, ob die DEU beim DOSB viel Überzeugungsarbeit leisten musste, erwiderte Harnos, dass man alles ja schon im Vorfeld gesprochen hätte, als man merkte, dass man der Ebene DEU-FFSG nicht weiter kam. Natürlich hatte sich auch der DOSB bemüht und Kontakt aufgenommen mit den französischen NOK. In Frankreich aber ist das NOK ausschließlich für das Nominierungsprozedere zu den Olympischen Spielen verantwortlich. Sie können deshalb keinen Einfluss geltend machen. Gailhaguet hatte sich darauf berufen, dass sein Ministerium ihm gesagt habe "Man kann nicht immer viel Geld in die Ausbildung französischer Sportler investieren und dann finden diese bei euch nicht mehr die Heimat, sondern wollen sich anderen Verbänden anschließen." Dies bedeute sozusagen, wenn der Verband keine Entschädigungen für abwandernde Sportler eintreibt, könne ihm die Förderung gekürzt werden. Ob dies wirklich so richtig ist, kann die DEU natürlich nicht beantworten. Aber Harnos persönlich vertritt die Meinung, dass es sich letztendlich um Berufssportler handele und dass das, was passiert ist, einem Berufsverbot gleichkommt. Es sei seines Erachtens auch ein gravierender Verstoß gegen die Freizügigkeitsregelungen innerhalb Europas. Es gäbe ja auch schon Fälle, die so ähnlich gelagert waren, wo man sich dann an die EU-Komission gewandt hat. Das wären sicherlich auch Möglichkeiten für die DEU gewesen, aber dann wäre die Zeit davon gelaufen.


Fragesteller meinten, man solle Gailhaguet fragen, ob er nicht selbst Millionen nachbezahlen müsse für alle ausländischen Sportler, die er ins Land geholt habe. Hernos erklärte, dass man vor Intensivierung der Gespräche alles auf juristischer Ebene abgeklopft habe. Es wurde recherchiert, wer wann von A nach B gegangen ist. Die frühere Partnerin von Bruno, Daria Popova, besitze zwar nicht die deutsche Staatsbürgerschaft ist, ist aber auch schon mal für den deutschen Verband gestartet und ist dann nach Frankreich gegangen. Dafür wurde keine Ablöse bezahlt oder verlangt. Aber Harnos wies noch einmal darauf hin, dass den Deutschen die Zeit davon gelaufen sei.

Die 30 000 Euro sind laut Harnos keine Ablösesumme wie das im Fußball der Fall ist. Es ist eine sogenannte Aufwandsentschädigung. In Zukunft gehe es darum, diese Tendenz zu bekämpfen. Denn es war ja nicht so, dass jemand vertraglich gebunden war und vorzeitig aus seinem Vertrag aussteigen möchte.


Was die Rückzahlung angeht, so hat die DEU mit den Sportlern keine Zahlungsziele oder eine Größenordnung der Zahlung vereinbart. Letztendlich wird es darauf ankommen, wie sich die Karriere entwickelt. „Ich glaube nicht, dass dadurch eine Drucksituation für die beiden entsteht. Wir haben das guten Gewissens gemacht und wir wollten am Ende des Tages etwas für den Sport tun und dem Paar den Druck nehmen, dass es überhaupt nicht weitergeht“, sagte Harnos. „Es ist keine einfache Situation, die Bruno zu bewältigen hat oder hatte. Deshalb hat der Verband versucht ihn zu unterstützten in dem, was sein tägliches Leben anbelangt, auch über die Sporthilfe.“

Aljona kommentierte: „Wir sind sehr dankbar, dass Bruno von der Sporthilfe unterstützt wird.  Sie haben von Anfang an gesagt, dass sie ihn unterstützen, obwohl er noch keine Startfreigabe hatte. Sie unterstützen auch schon all die Jahre mich. Es ist zwar keine große Summe, von der man leben kann. Aber es ist auf jeden Fall eine Hilfe.“


Der DEU-Leistungssportreferent Volker Herrmann präzisierte: „Bruno ist in Abstimmung mit dem DOSB im B-Kader der DEU aufgenommen und erhält darüber diese Grundförderung, die B-Kader-Athleten zuteil wird. Darüberhinaus kommt der Verband auch noch für Unkosten auf. Mit den Lebenshaltungskosten kommt ja einiges zusammen. Und es wurde ja auch die Teilnahme an Schaulaufen von den Franzosen verboten. Da ist auch ein großer Teil der Finanzhilfe ausgeblieben.“

Frage: Wenn man 19 Monate nicht an Wettbewerben teilnehmen durfte, was darf man da von einem neuen Paar, auch wenn man mit einer fünfmaligen Weltmeisterin eine starke Partnerschaft bildet, erwarten? Und was erwarten die Sportler von sich für diese Saison?


Savchenko: "Das ist sehr schwer zu sagen. Natürlich trainieren wir und geben das Beste. Wir müssen schauen, dass wir Levels und Elemente haben auf höchstem Niveau. Wie wir in den Wettkampf reingehen, werden wir mit dem ganzen Team beraten. Wir trainieren Vierfach-Würfe und ob wir die am Anfang machen, ist eine Team-Entscheidung. Wir werden das Beste geben und werden dann sehen, wo wir stehen. Es ist schwer zu schätzen, wie die Preisrichter und die Zuschauer das neue Team annehmen. Wir wissen, dass uns viele unterstützen und auf uns hoffen. Wir sind gut vorbereitet."

Frage: Bruno ist ja etwas größer und etwas stärker als Robin, der ehemalige Partner.


Aljona: "Ich will gar nichts mit Robin vergleichen. Wir waren ein tolles Paar und es ist Vergangenheit. Jetzt müssen wir in die Zukunft schauen. Es ist ein neues Paar. Klar wird der eine oder andere immer vergleichen. Aber man muss die positiven Seiten des Partners finden und die habe ich gefunden. Ich versuche, seine Stärken herauszukitzeln. Weil Bruno größer und deshalb stärker ist, haben wir bei den Elementen andere Möglichkeiten. Allgemein sieht dieses Paar anders aus. Wir werden sehen."

Bruno: "I hope that people don't compare me with Robin and just see a new pair. I hope this und I hope that we look total different. I don't try to think about this. I just do my job.
We do new things und we found our style."

Frage: Wie ist das mit dem Trainerteam? Wer wird nächste Woche in Tallinn dabei sein?

Aljona: „Unsere Trainer sind Alexander König, der uns in Oberstdorf trainiert, und Jean-Francois Ballester. Mit diesen beiden Trainern bilden wir ein Team und sie werden beide in Tallinn vor Ort sein. Wir besprechen alle zusammen, was wir machen. Mit Ballester haben wir die ersten Vierfache gemacht und trainiert.“


Frage: Wie sehen die weiteren Pläne aus?

Aljona: “Wir wollen zwei Wettkämpfe, weil man das Wettkampf-Gefühl braucht. Die Shows beginnen nach der Deutschen Meisterschaft und wir sind Daniel Weiss sehr dankbar. Wir haben dieses Jahr so geplant, dass das erste Schaulaufen am 20.12. nach den Deutschen Meisterschaften in Ingolstadt stattfinden wird. Dann haben wir Shows Chemnitz, Regensburg und dann in Oberstdorf am 29.12. Und vielleicht gibt es in Oberstdorf diese Show, die wir als Spendenaktion machen. Es wird ein Club-Schaulaufen sein, mehr oder weniger spontan.

Frage: Was habt ihr euch für Ziele gesetzt in dieser Saison?

Bruno: „Just to find our place for the first season, good and clean programs.”

Frage: Aljona, wir gehen mal davon aus dass EM und WM klappen.
Wenn ihr da nur 6. oder 7. werdet... das wäre nicht in deinem Sinne?!

Aljona: „Das müssen wir dann sehen und analysieren, wenn es so weit ist. Erst werden wir aufs Eis gehen und unser Zeug machen. Wenn es so ist, dann müssen wir sehen, was wir zu ändern haben.“

Frage: In Oberstdorf gibt es mit Mari Vartmann und Ruben Blommaert ein weiteres gutes Paar, das bei seinem ersten Grand Prix 171 Punkte geholt hat.


Aljona: "Es ist gut, dass wir in Deutschland zwei Top-Paare haben - hoffentlich (lacht) - wir trainieren zusammen mit verschiedenen Trainern. Es ist gut, wenn man eine starke Mannschaft hat mit zwei Paaren, was viele Jahre lang nicht so war.  Mit Robin war ich immer ein bisschen weit weg von den anderen. Vielleicht können auch beide Paare um Medaillen kämpfen und Medaillen holen. Wir konzentrieren uns auf uns, aber es ist schön wenn in Deutschland mehr Paare kommen. "

Frage: Wie hat sich das Paarlaufen entwickelt in der Zeit als du Pause hattest? Du hast ja bestimmt alles gesehen? Gibt es eine Veränderung oder ist alles so wie früher?

Aljona: „Wir haben den Grand Prix gesehen und ohne Vierfache wird es schwer. Es geht immer vorwärts, das ist ja normal. Auf der einen Seite wird es gefährlicher, wenn man die chinesischen Paare anschaut, es gibt immer mehr Paare, die Vierfache in ihr Programm stellen.  Auch Kavaguti/Smirnov haben zwei Vierfach-Würfe gezeigt. Von Wettkampf zu Wettkampf wird es anders und bei anderen Konkurrenten ist es eine Live-Situation ob man sich für ein sauberes Programm mit Dreifachen entscheidet oder ob man Vierfache riskiert.  Ich habe auch Videos gesehen, wo Einzelläufer schon Vierfach-Axel springen, es geht immer vorwärts. Wie es am Ende ausgeht, weiß keiner. Es besteht ja auch eine Verletzungsgefahr, wenn man Vierfache macht. Es ist riskant. Aber ohne dieses ist es kein Sport. No risk no fun. Entweder man geht mit oder man bleibt stehen.“

Frage: Wie wichtig ist der Erfolg dieses Paares für das Eislaufen in Deutschland?

Harnos: „Grundsätzlich ist es ja so, dass der Erfolg Gradmesser für die Fördermittel des BMI ist. Da steht man da als Verband "immer unter Druck". Und dann muss man bei Zielvereinbarungsgesprächen mit DOSB, BMI und BVA eine Perspektive entwickeln können. Das Paarlaufen hat ja, soweit ich das beurteilen kann, Tradition in Deutschland und eine besondere Bedeutung. Man soll natürlich nicht vergleichen, aber man wird nicht von der Hand weisen können, dass Aljona und Robin unglaublich erfolgreich gewesen sind. Deshalb werden Aljona und Bruno wahrscheinlich auch daran gemessen werden. Aber das kann man ja auch ins Positive umlenken. Also Druck muss einen ja nicht erdrücken, sondern man kann ja aus Druck auch wachsen und besondere Motivation ziehen. Wir wollen ja generell den Verband neu aufstellen und jetzt ist es gelungen, erstmals auch einen Sponsor zu finden, der die Ausrüstung der Sportler finanziert. So dass wir ein einheitliches Erscheinungsbild haben. Wir haben auch junge Leute im Verband, die natürlich neue Ideen haben. Die ein bisschen Schwung reinbringen und auch die Öffentlichkeitsarbeit wird besser werden. Das gelingt natürlich alles mit Erfolg im Rücken einfacher als ohne. Wir haben uns mit dem Sponsor saisonweise geeinigt, weil das für uns leichter ist mit der Ausstattung. Es gilt für diese Saison und für die nächste. Dann gibt es aber für beide Verlängerungsoptionen und da ist natürlich auch Erfolg positiv, was die Fortführung des Vertrages anbelangt. Es waren sehr konstruktive Gespräche und es ist eine sehr gute Partnerschaft. Und es kann für beide eine win win Situation werden.“

Frage: Ist mit Pyeongchang  2018 das Ziel erreicht oder wollt ihr dann noch weitermachen?

Aljona: „Nein, unser Ziel ist 2018.“